Andere über ihn

Ein Lehrer für Väter

Karl Grohmann war Lehrer, klinischer Psychologe und Beamter des Unterrichtsministeriums, ehe er eine schulpsychologische Praxis eröffnete. Er ist heute – leider – in Pension.

Von Peter-Michael Lingens

Ich kenne wenige Menschen, die ich so sehr bewundere, und keinen, dem ich so dankbar bin. Als ich ihn vor etwa anderthalb Jahren in seiner Praxis aufsuchte, war ich so verzweifelt, wie ein Vater nur sein kann; kaum eine Nacht, in der ich nicht schweißgebadet aufwachte, um immer die gleiche Angst in meinem Kopf zu finden: Was wird einmal aus meinem Sohn? Mit damals elf Jahren konnte Raimund so gut wie nicht rechnen, nicht schreiben und nicht lesen. Seine bis zur Unkenntlichkeit entstellte Schrift vermittelte nur eine einzige Aussage: Ich habe versagt. Heute schreibt er erste kleine Aufsätze und rechnet Beispiele aus dem Mathematiklehrbuch der zweiten Klasse AHS.Dazwischen liegen 15 Monate „Doktor Grohmann“.

Ich glaube nicht, dass es noch einen Menschen gibt, der so viel von Kindern weiß. Er war Volksschullehrer, Hauptschullehrer, Sonderschullehrer, Berufsschullehrer, Lehrer an Handelsschulen, Gewerbeschulen und AHS. In seiner Freizeit ergänzte er sein Studium der Psychologie durch die Ausbildung als klinischer Psychologe an der damaligen Klinik Hoff. Der Wiener Stadtschulrat gab ihm im pädagogisch-psychologischen Dienst das adäquate Aufgabenfeld. Aber je älter er wurde, desto mehr konzentrierte er sich auf seine kleine Praxis in der Wiener Hauslabgasse und verwirklichte dort seine ganz persönliche Vorstellung von therapeutischem Unterricht: Er lehrt schwierige Kinder, wieder Vertrauen zu sich selbst zu haben.

Man wäre geneigt, ihn sich wie einen jener jungen engagierten Lehrer vorzustellen: mit Jeans, Pullover und Bart. Aber er sieht viel eher wie ein Vorkriegsschuldirektor in Pension aus. Oder sogar wie ein pensionierter Oberst. Seine kerzengerade Haltung, der steife, kaputte Fuß, das schlohweiße Haar vermitteln die Art von Respekt, die man heute fast nur noch aus Erzählungen der Eltern kennt. Dem widerspricht der tiefe Ernst, mit dem er mit Kindern spricht. Ein Ernst, der seine Autorität gleich wieder relativiert: Das Kind fühlt sich von gleich zu gleich behandelt.

Als am Ende der ersten Stunde vereinbart wurde, was Raimund in den nächsten Wochen arbeiten sollte, goß Dr. Grohmann es in die Form eines Vertrages. Er unterschrieb rechts, links unterschrieb Raimund. Dieses Ernstnehmen ist zwar Methode, aber es ist getragen  von einem tiefen Respekt vor dem Kind, der wiederum nur die andere Seite noch tieferer Zuneigung ist. Man weiß auf einmal, spürt es körperlich, dass er jedes „seiner“ Kinder liebt. Das Mädchen, das er aus der Sonderschule so weit gebracht hat, dass es ein Studium absolvierte ist seine Tochter; und Raimund, in einem Maße, das mich manchmal eifersüchtig macht, sein Sohn. Der elfjährige Bub eines Bekannten weinte, als er nicht mehr „zum Doktor Grohmann“ gehen durfte, nachdem er innerhalb eines Jahres in seinen Angstgegenständen von „nicht genügend“ auf „gut“ gekommen war. Karl Grohmann machte ihm den Abschied auf seine unnachahmliche Art begreiflich: „Du bist jetzt so tüchtig, du kannst so viel, dass du mich einfach nicht mehr brauchst.“ So müsste man seinen Sohn ins Leben entlassen.

Seit ich ihn kenne, weiß ich, dass Erziehen eine Kunst ist, die man lernen kann: Es gibt die hohe Schule der Schule. Das Grundgesetz der Grohmannschen Pädagogik lautet: Ein Kind braucht Lob, Lob und noch einmal Lob. Raimund brauchte es ganz besonders, denn ich hatte es ihm durch Jahre vorenthalten. Als Grohmann ihn mit der ersten Aufgabe konfrontierte – ich glaube, es ging darum, geometrische Figuren einzuordnen –, geriet ich in Panik. Ich wusste, wie er bei anderen Tests kaum einen Treffer in einer Zeile gelandet hatte. Er landete auch diesmal nur einen. Aber Doktor Grohmann war begeistert: „Großartig. Ganz toll. Eine Lösung vollkommen richtig. Das heben wir uns auf.“ Und mit dem gleichen roten Filzstift, mit dem Österreichs Lehrer den einzigen Fehler in einer Zeile anzuzeichnen pflegen, zeichnete er einen liebevollen roten Kreis um die einzige Stelle, die in einer ganzen Zeile richtig war. Und Raimund strahlte. In diesen ersten zehn Minuten erhöhte sich seine Trefferquote von Zeile zu Zeile, bis ich meinen Augen nicht mehr traute: „Der Bub ist großartig“, sagte Dr. Grohmann. Und er meinte es so. Zum ersten Mal bemerkten Raimund und ich es auch.

Wahrscheinlich verhalten sich die meisten guten Pädagogen instinktiv so ähnlich: Wer je einen guten Tennislehrer hatte, weiß, dass eine von dessen wichtigsten Fähigkeiten darin besteht, seinem Schüler in den ersten Minuten des Einschlagens ideale Bälle zuzuspielen und jeden gelungenen Schlag in den höchsten Tönen zu loben. Sofort wird die Verkrampfung, die jedes morgendliche Tennisspiel begleitet, sich lösen, und das Spiel wird sich um eine Klasse verbessern. Wenn Pete Sampras verliert, dann sagt er nicht: „Ich kann nicht mehr spielen.“ Er sagt: „Ich habe mein Selbstvertrauen verloren.“ Grohmanns größte Kunst besteht darin, Kindern ihr Selbstvertrauen wiederzugeben. Selbstvertrauen resultiert aus der wiederholten Erfahrung, eine gestellte Aufgabe erfolgreich bewältigt zu haben. Besser eine kleinere Aufgabe gut als eine größere schlecht. Die Bewältigung einer eher mechanischen Aufgabe – etwa: die S-Schreibung oder das Einmaleins zu beherrschen – vermittelt kaum geringere Befriedigung als die Bewältigung eines intellektuellen Problems. Daraus resultiert ein zweites Grohmannsches Grundgesetz: Trainierbares trainieren. Das perfekt dressierte Einmaleins vermittelt etwas von dem Selbstvertrauen, das man braucht, um eine Schlussrechnung zu lösen.

Karl Grohmann, den ich für den modernsten aller Lehrer halte, ist ein altmodischer Pauker: In einem riesigen Schrank bewahrt er Tausende verschiedener Formulare auf, die nichts anderes vermitteln als eine geistige Handfertigkeit. Blätter mit einfachsten Rechenaufgaben, die in einer bestimmten Zeit gelöst werden müssen, oder Blätter, die die Konzentration trainieren. Es gibt keine Lernschwäche, für die Doktor Grohmann nicht ein „Blatt“ hat. Und dieselben Kinder, die man nur unter Drohung bewegen kann, freiwillig eine Fertigkeit zu üben, üben begeistert, sobald ihnen ein vorgegebenes Blatt eine klar umrissene einfache Aufgabe stellt, an deren Ende das Erfolgserlebnis der Bewältigung steht: neun von zehn Aufgaben richtig. Kinder brauchen die Forderung. Sie suchen die Leistung. Und sie wollen den erfolg auf einfache und klare Weise messen. An jenem ersten Nachmittag mit Raimund zog Doktor Grohmann plötzlich eine Stoppuhr aus der Tasche, legte sie neben ein Einmaleinsblatt und sprach die für einen „modernen Pädagogen“ unaussprechliche Forderung aus: „Jetzt schaust du einmal, in welcher Zeit du die erste Kolonne schaffst.“ Schulstreß, Leistungsdruck, Wettbewerbshysterie, hämmerte es in meinem Kopf, während Raimund mit heißen Fingern seine Zahlen kritzelte. Er brauchte so lange wie nie zuvor und nie danach. „Großartig“, sagte Dr. Grohmann. „15 von 20 richtig. Und unter 50 Sekunden. Das war super.“ Raimund strahlte. „Also ich glaube, dabei lassen wir´s. Nach so einer Superleistung ist man müde. Die zweite Kolonne ist zuviel…“ „Nein“, schrie Raimund, „ich will auch die zweite Kolonne rechnen.“ „Wirklich?“ fragte Dr. Grohmann. „No…, also gut. Aber kränk dich nicht, wenn´s nicht mehr ganz so schnell geht.“ Da es so gut wie ausgeschlossen war, die zweite Kolonne langsamer und falscher zu rechnen als die erste, errangen wir in dieser ersten Stunde den wahrscheinlich entscheidendsten Erfolg in Raimunds Kindheit: 25 Sekunden. Nur noch die halbe Zeit. Bestzeit. Begeisterungsstürme bei Dr. Grohmann. Begeisterungstaumel bei Raimund. Aus einer Mappe holt Dr. Grohmann eine Klebefolie in Form von gelben, blauen und roten Kreisen. Er klebt einen großen gelben Kreis auf das Einmaleinsblatt: „Das bedeutet: ein Musterblatt. Das heben wir uns auf.“ Er hebt das Blatt zur Lampe, um es noch einmal bewundernd zu prüfen, wie ein Tischler das Gesellenstück seines besten Lehrlings. Dann weiß er, dass der gelbe Punkt ganz einfach zu wenig ist: Er setzt einen kleinen blauen Punkt drauf.„Blau auf Gelb, das ist sozusagen das Höchste.“

Es war für Monate das Höchste. Raimund, der weder durch Drohungen noch durch gutes Zureden, noch durch Versprechungen (mehr Taschengeld, eine Tonbandkassette) zum Lernen zu bewegen gewesen war, lernte für einen kleinen blauen Punkt, von dem sein neues, glücklicheres Leben ausging.

Dieser Artikel erschien zu allererst im Wochenmagazin „profil“ im Jahr 1981, verfasst wurde er vom damaligen Herausgeber und Chefredakteur Peter-Michael Lingens. Weiters ist dieser Text auch im Buch „Begegnungen“ von Peter Michael-Lingens im Kremayr & Scheriau-Verlag, Wien 1995, erschienen:

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Veröffentlicht Juni 10, 2010 von Judith Grohmann

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